Schützenpanzer Marder 1A3

Titelbild: Boevaya mashina, Marder 1A3 1, CC BY-SA 4.0

Da lese ich neulich im Spiegel, dass ein Hauptmann der KSK einen Hilferuf an die Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer schickt. Er „prangert darin an, dass rechtsextreme Umtriebe in der Einheit ignoriert oder gar toleriert würden.“ Das hat mich direkt an einige Vorkommnisse während meiner Bundeswehrzeit erinnert. Da wurde ich gleich am ersten Tag mit rechtsextremen Unteroffizieren konfrontiert.

Am 03.05.1999 durfte musste ich zur Ableistung der Wehrpflicht in der 5. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 323 in Schwanewede zum Dienst antreten. Vor den Mannschaftsunterkünften standen aneinander gereihte Tische mit dahinter sitzenden Soldaten, welche die Aufnahme der Wehrpflichtigen abarbeiteten. Die Wehrpflichtigen standen nervös in Reihe vor den jeweiligen Tischen. Als ich dort ankam, suchte ich mir die kürzeste Reihe und stellte mich hinten an.

Als ich endlich dran kam, guckte mich der Feldwebel mürrisch an, musterte mich von oben nach unten und fragte dann nach meinem Ausweis und Einberufungsbescheid. Dann folgender Dialog:

Feldwebel: „Romano? Was ist denn das für ein Name? Russisch?“
Ich: „Nein, italienisch.“
Feldwebel: „Italiener?“, und dann etwas leiser mit verächtlichen Blick „Verräter!“

Da weiß man doch gleich woran man ist!

Zur Erklärung: Im 2. Weltkrieg kämpften die Italiener unter Diktator Mussolini Seite an Seite mit den Deutschen und Adolf Hitler. Durch den Waffenstillstand von Cassibile endete das Bündnis mit dem Deutschen Reich am 8. September 1943. Deswegen werden Italiener manchmal bis heute noch von Deutschen als Verräter bezeichnet.

Am Anfang der Grundausbildung hängt man noch viel auf der Stube rum und wartet bis man zu bestimmten Dingen wie Einkleidung, Arztbesuch o.ä. antreten muss. In einer von diesen „Warten bis auf Weiteres“-Phasen, saß ich mit einem Kameraden gelangweilt auf dem unteren Teil des Etagenbettes unserer Stube. Mein Kamerad lehnte sich zurück, ließ den Kopf in den Nacken und guckte auf die Matratze des oberen Bettes. „Was ist denn das?“ fragte er.

Vorgänger warnten uns vor Nazi-Feldwebel in der Grundausbildung

Unter der Matratze konnte man einen Zettel mit einer Aufschrift sehen. Ich hob die Matratze hoch, nahm den Zettel, setzte mich wieder hin und wir begannen zu lesen. Es handelte sich um eine zusammengefaltete A5-Seite mit der Aufschrift: „An die Neuen der 5. Kompanie 323.“

Da hatten sich unsere Vorgänger glatt die Mühe gemacht und uns eine kleine Einführung dessen verpasst, was uns in den kommenden Monaten erwarten sollte. Einen Satz daraus werde ich nie vergessen: „Vorsicht vor Feldwebel X, der hat am 20.04. Geburtstag!“

Der Name des Feldwebels war mir da schon bekannt. Es war derselbe, der mich zum Dienstantritt mit „Verräter“ begrüsst hatte. Mein aus Kasachstan stammender Kamerad hat den Sinn des Satzes nicht verstanden und fragte mich, was das zu bedeuten hätte. Ich sagte nur, dass Adolf Hitler am 20.04. Geburtstag hatte. Jetzt verstand auch er, woher der Wind zukünftig wehen würde.

Glücklicherweise war es nicht ganz so schlimm. Der Feldwebel entpuppte sich zwar im Laufe der Grundausbildung als 1A-Vorzeige-Nazi-Soldat (er hat daraus keinen Hehl gemacht), wir hatten in unserem Zug aber relativ wenig mit ihm und seinem unterstellten – nicht weniger rechts stehenden – HiWi Stabsgefreiten zu tun.

Nach der Grundausbildung ging es nahtlos in die Spezialausbildung über. Ich wurde für die Ausbildung zum Richtschützen im Schützenpanzer „Marder“ eingeteilt. (Das Ding, was auf dem Titelbild oben zu sehen ist.)

Auf dem Standortübungsplatz wurde am Ende der Ausbildung eine abschließende Schießprüfung durchgeführt. Dabei waren drei Schützenpanzer in Linie (von links nach rechts) gegenüber der Ziele aufgestellt. Die Panzer waren – Kommandanten und Fahrer ausgenommen – nur mit Richtschützen aus der Ausbildung besetzt, so dass diese im Innenraum schnell die Plätze tauschen konnten, wenn sie an der Reihe waren. Im hinteren Bereich gab es für die Plätze links und rechts, mit dem kleinen Sichtfenster nach draußen, Headsets, mit denen man den Funk zwischen den Panzerkommandanten mithören konnte.

Als ich hinten rechts auf dem Sitzplatz angelangt bin, setzte ich mir das Headset auf und hörte mir den Funkverkehr an. Als ein Richtschütze im Panzer rechts neben uns mit der Schießprüfung an der Reihe war, öffnete ich das Sichtfenster, um den Panzer beim Feuern zuzusehen. Dabei konnte ich den Panzer schön von der Seite sehen und entdeckte einen riesigen Totenkopf am Turm. Nicht irgendein Totenkopf, sondern den der SS-Division Totenkopf!

Ein SS Totenkopf Panzer bei der Bundeswehr? WTF?!

Nun bin ich schon Zeit meines Lebens immer mal wieder mit Altnazis, Neonazis, rechten Skinheads usw. konfrontiert worden und mir war auch immer klar, dass die Bundeswehr seit ihrer Gründung ein Problem mit Nazis hat. Was ich bis dato nicht glauben konnte, war der Umstand, wie selbstverständlich Nazis innerhalb der Truppe akzeptiert und toleriert wurden.

Man hörte, dass der besagte Panzer zu einem bestimmten Offizier „gehörte“. Er sei als Panzerkommandant ein hervorragender Taktiker und irgendjemand hätte ihm aus Respekt und zu Ehren seiner Leistungen diesen SS Totenkopf auf den Panzerturm lackiert.

Da fragt man sich: Wie kann man jemanden im Jahre 1999 das Truppenkennzeichen einer „SS-Eliteeinheit“, die an zahlreichen Kriegsverbrechen beteiligt war, als Auszeichnung auf den Panzer lackieren?

Angeblich soll er auch mit diesem Panzer bei einer 72-Stunden-Übung auf dem Gefechtsübungszentrum des Heeres in der Altmark teilgenommen haben. Teilgenommen hat er, das stimmt. Unsere Unteroffiziere haben berichtet, dass er nach der Auswertung der Übung „von höchster Stelle“ für seine Leistungen gelobt worden ist.

Ich weiß leider den Namen und damaligen Rang des Offiziers nicht mehr. Er muss aber dem Panzergrenadierbataillon 323 (PrGrenBtl 323) in Schwanewede zugehörig gewesen sein. Ich bin ihm nur ein paar mal flüchtig begegnet: Groß, blond, blaue Augen.

Passt ja.

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